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Literarisches

 

Fest abwärts

Eine neue Geschichte von Friedel Kehrer-Schreiber

Friedel Kehrer-Schreiber

 

Die Abrechnung fiel gar nicht so schlecht aus - der Gewinn kann sich sehen lassen und doch lag eine Stimmung in der Luft, wie bei einer Prise frisch ausgefahrener Gülle auf den Feldern. Es stank nach Missgunst und Unzufriedenheit. In Worte konnte und wollte es niemand fassen, jeder trank seinen Sprudel, sein Bier, einfach sein Glas aus, es kam auf den Inhalt nicht an. Überhaupt kam es auf den Inhalt schon lange nicht mehr an, es war so wie es war, wie es sich eingeschliffen hatte. Ganz leise und unbemerkt verlief jedes Jahr der gleiche Abspann.

Ein Fest wurde vom Dorf ausgerichtet. Jeder Verein stellte seine Mitglieder als „Schaffer" zur Verfügung, dabei achtete jeder auf jeden, so dass ja keiner mehr aß als seine Verpflegungsgutscheine her gaben, ja kein Bier mehr über den Tresen nach hinten zu den Schaffern wanderte als ausgemacht war. „Für mich war dies mein letzter Einsatz, im nächsten Jahr könnt ihr mit mir nicht mehr rechnen." Stille. „Warum, oder das kannst du doch nicht machen, wir brauchen jeden", brachte niemand der Anwesenden hervor. Stille.

Ich möchte niemanden hängen lassen, aber eigentlich bin ich der gleichen Meinung. Wir verdienen Geld, viel Geld, unsere Vereinskassen füllen sich, aber wir haben uns aus den Augen verloren, eigentlich wollten wir einmal ein Fest für uns, für unsere Dorfgemeinschaft machen. Aber wenn jeder ehrlich zu sich selbst ist, können wir es eigentlich schon lange nicht mehr stemmen. So schön es auch ist, aber es ist aus dem Ruder gelaufen, wir brauchen immer mehr professionelle Hilfe, jedes Jahr mehr Technik, noch mehr Personal, immer noch mehr, noch mehr.

Es war plötzlich alles so ohne Sinn. War es wirklich nötig, dass wir jedes Jahr ein Fest ausrichteten, immer mit der Angst, das 2000-Mann-Zelt auch wirklich zu füllen? War es wirklich nötig, sich mit völlig abgehobenen Künstlern herum zu streiten, ob jetzt das Obst nun reif oder überreif war? Und wenn es Versorgungsschwierigkeiten mit den Stromleitungen gab, waren sie nicht in der Lage auch nur einen Ton zu spielen. Aber die Handtücher mussten natürlich bereit liegen.

Mit der heutigen Geldabrechnung hatte all dies nichts zu tun.

„Vielleicht sollten wir wieder ein Dorffest machen für uns. Jeder bringt im Leiterwagen dabei seine Verpflegung selbst mit." Zum ersten Mal kam ein Schmunzeln auf.

So wie wir es gerade erleben, so ist es doch in jedem Bereich. Als die große Kreisstadt uns bei der Gemeindereform geschluckt hat, haben wir am Tag der Wahl einen Sarg durch unsere Dorfstraßen getragen. Wir hatten auch keine andere Möglichkeit, denn für eine Weiterentwicklung unseres Dorfes war es die einzige Chance. Aber die Vorahnung hatten wir unbewusst schon damals, der Sarg drückte unsere Befürchtungen aus.

Sicher haben wir auch davon profitiert: eine Leichenhalle, ein neues Dach für die Turnhalle, Straßensanierung, Kindergarten und noch manches mehr. Aber unsere Verwaltungseigenständigkeit haben wir doch verloren. Versorgt und verwaltet - das sind wir bis heute. Sicher - manches könnte besser sein, aber darüber wollte bisher keiner reden und wird auch in Zukunft keiner reden.

Es fing gleich mit der Dorfwiese an, die seit je her ein angrenzender Nachbar gemäht hatte. Dies wurde ihm einem Haftbarkeitshinweis nun verboten. Die Kirchhofspflege wurde zentralisiert, dem entsprechend sah es auch aus. Jeglicher persönlicher Einsatz, was mancher noch als „normal" empfand und einfach zum Wohle der Dorfgemeinschaft ganz pflichtbewusst erledigte, wurde untergraben. Zentralisiert! Zentralisiert um Kosten zu sparen. Es gibt ja für jeden Handgriff ein Amt, das verantwortlich ist. So wurde es im Eingemeindungsvertrag niedergeschrieben. Zentralisiert, Zentralisierung. Bündelung der Kräfte.

Aber bei uns im Dorf war es der Untergang. Ärger und Unverständnis kamen auf, auch das Gefühl der Verantwortlichkeit wurde mit der Eingemeindung untersagt und begraben. Wir wurden zum Schlafdorf gemacht. Vorhandene Strukturen, die ineinander griffen und bisher gut funktionierten, gab es nun nicht mehr. Was lange schon öffentlich diskutiert wurde sowie die Bemühung wieder zurück zu rudern, kannten wir eigentlich nur aus der Presse. Wir wollten es nicht wahr haben, aber auch bei uns war es längst so. An diesem Abend wurde es deutlich, es brach aus allen Ecken heraus.

Es ist doch schwer, der Zeitgeist fordert immer mehr, immer mehr mit immer weniger Menschen, immer mehr und immer schneller mit immer weniger Mittel. Kosten sparen, nach oben grüßen nach unten treten.

Mit der heutigen Geldabrechnung hatte es nichts zu tun. Es lag in der Luft, dass uns das Miteinader abhanden gekommen war. Das, was wir eigentlich bewahren wollten, was uns eigentlich so kostbar erschien, das schienen wir an diesem Abend zu verlieren. Wenn wir es nicht schon längst verloren haben.

Mit der heutigen Geldabrechnung hatte all dies nicht zu tun.

„Vielleicht sollten wir wieder ein Dorffest machen für uns. Jeder bringt im Leiterwagen dabei seine Verpflegung selbst mit." Das Schmunzeln wurde zu einem verhaltenen Lacher. Jeder der Anwesenden brachte schweigend seine Gedanken zum Ausdruck. Es war keine Festabrechnung mehr, es wurde zu einer Lebensabrechnung. Gedanken, Hoffnungen, Enttäuschungen fanden sich in Melancholie wieder.

Diese Abrechnung hatte mit Geld nichts mehr zu tun.

Ihr könnt doch noch auf mich zählen. Wie wäre es, wenn wir die wirtschaftliche und finanzielle Lage für uns anders herunter brechen. Zu allem sind und waren wir eigentlich immer zu klein, wir sind für niemanden attraktiv genug, dass es bei uns um große Investitionen gehen könnte. Aber wir haben uns und unser Land. Ich spiele schon lange mit dem Gedanken, das Allmand, was uns noch gehört, wieder zu bewirtschaften.

Vergrab dein Leben nicht in Gold, du kannst es nicht essen.

 

 

 

Bronnweiler

 

 

Das Land ist gut, es sind die Menschen...

 

 

 von Friedel Kehrer-Schreiber

Wenn wir von unserem Dorf reden, dann meinen wir unser Dorf, eigentlich das Dorf  im Dorf. Wenn wir von unserem Dorf reden meinen wir eigentlich unser Land im Land. Wir die wir uns schon immer kennen, wir eben. Wir, die wir die Tage miteinander verbringen. Wir die fast alle schon seit Generationen in den gleichen Häusern leben, fast immer noch in mehreren Generationen zusammen, wir eben. Die Häuser seit ewigen Zeiten, fast alle im gleichen Baustil um die Kirche gebaut, jedes davon hat noch eine alte Scheune, mit einem Heubarn und einem hohen Kräch. Die Gärten  vor den Häusern, und hinter den Häusern, genützt. Es würde niemals jemand einfallen einen Zierstrauch oder gar einen Baum zu pflanzen, der keine Früchte trägt, die man nicht essen könnte. Wir eben. Wir, vom Dorf, im Dorf. Wir in unserem Land, das Land im Land. Es gibt auch einige Straßenzüge, die später im Lauf der Zeit dazu kamen und immer noch dazu kommen. Aber es sind Straßen, Häuser gebaut, nicht gewachsen. Sie sind entstanden. Häuser, Straßen im Lauf der Zeit entstanden, gebaut, geplant. Häuser zum Wohnen, keine Hofstellen mehr, ohne Scheune, ohne Hühnerstall, ohne Schopf. Häuser, Straßen zum Wohnen, zum Leben, oft wenig Bezug zu uns, die wir schon seit Generationen unsere Häuser bewohnen. In jeder Familie zog doch immer wieder einer ein, ins Haus, oder blieb da. In jeder Familie ging es irgendwie weiter. Wurden vereinzelt Häuser verkauft, zogen gar Fremde ein. Es entschied schon der erste Sommer ob sie dazu gehörten oder nicht. Gehörten sie dazu, spielte es keine große Rolle woher sie kamen. Ein Gespräch über den Gartenzaun über wichtiges und unwichtiges. Einen Nachbarschaftsdienst, was einem täglich wichtig und hilfreich war. Ein Geben und Nehmen. Wir eben. Ich genieße diese besondere Atmosphäre, aber ich gehöre ja auch dazu. Ja, ich gehöre dazu, wie schon meine Vorfahren auch dazu gehörten. Seit Generationen bewohnte immer ein Nachkomme unsere Hofstelle. Ja, bei fast allen ging es irgendwie immer weiter. So wie es immer weitergeht, jeden Tag. Jeden Tag den wir mit dem Morgen beginnen und als Abend wieder zurückgeben, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr. Ein Nehmen und Geben.

Nur bei der alten Nane nicht, sie hatte keine Kinder, keine Verwandte. Sie war mit niemand und doch mit allen verwandt. Sie hatte uns, wir hatten sie. Die alte Nane, könnte man die Zeit anhalten, für sie würde es sich lohnen, gute alte Nane. Sie redete nicht viel, aber was sie sagte traf. Sie wusste noch so viel, vielleicht gerade weil sie alleine gelebt hat, hatte sie sich noch so viel bewahrt. Wir haben doch so viel verloren, haben es kaum bemerkt, wurde uns kaum bewusst, aber Nane bemerkte es sehr gut. Was schlecht war verliert man gern, aber auch manches Gute, das sich gelohnt hätte zu bewahren, haben wir der Schnelllebigkeit der Zeit geopfert. Oft sehr gern, weil es doch auch angenehm ist, aber oft gedankenlos, aus Bequemlichkeit. "Das Land ist gut, es sind die Menschen" - ihre Worte. Sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Denn, dass wir einen höheren Preis zurück zu bezahlen haben, spüren wir jeden Tag. Wir die Menschen im Dorf. Wir vom Dorf im Dorf. Wir in unserem Land, das Land im Land. Sie lebte allein, sie konnte in ihrer Zeit leben. Sie lebte niemals mit der Zeit. Sie lebte in ihrer Zeit. Sie war es auch, die sich richtig aufgeregt hatte, über einen Zierstrauch der ein Zugezogener gepflanzt hatte, einen Baum zu pflanzen der keine Früchte zum Essen trägt, war für sie vergeudeter Platz, ja noch schlimmer, sie war richtig zornig über so viel Unvernunft. Ihre Gedanken waren einfach und gerade, so wie sie sich alle Menschen wünschte, wie sie zu sein hatten.

 

 

 

 

Diese Geschichte entstand anlässlich eines Literaturwettbewerbs

und erschien in dem Buch: Das Dorf - Neue Geschichten aus Baden-Württemberg.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Silberburg-Verlages, Tübingen.

 

www.silberburg.de


dörflich

 

 von Friedel Kehrer-Schreiber

 

 

Irgendwie ein Geheimnis. Irgendwie war es aber auch ganz normal.  

Ich kam ans Grab und wollte Blumen darauf legen, aber es lagen immer schon frische Blumen da. Ich kannte kein Grab, auf dem ganzen Friedhof nicht, auf dem immer frische Blumen lagen.

Jetzt jährte sich der Todestag wieder und immer noch lagen frische Blumen da.

Der wievielte Todestag sich jährte, vermag ich nicht zu sagen, er ist und war immer ohne Bedeutung.

Die letzten Begegnungen sind es, die die Frage nach der Zeit unwichtig machen.

In meinem Dorf ist es überhaupt völlig unwichtig, nach der Zeit zu fragen.

Vielleicht haben wir deshalb immer so wenig miteinander geredet, weil eben für das Unwichtige keine Zeit übrig bleibt.

Er stand am Küchentisch und wartete auf mich. Wie immer sollte ich zehn Eier zu ihm bringen.

Immer am Montag war ich für diese zehn Eier zuständig. Unsere Familie gab Eier, eine andere Familie Milch. Beim Bäcker holte er sich jeden zweiten Tag sein Brot; ich glaube nicht, dass er jemals etwas dafür bezahlte. Genau so war es beim Metzger. Bei jeder Hausschlachtung gab ihm jede Familie etwas ab. Er fraß sich durch.

Es war normal, es war selbstverständlich, dass man ihn fütterte, so wie die Kühe und die Rinder, wie die Schweine und die Hühner, wie die Ziegen und die Schafe.

Er stand am Küchentisch und ich brachte meine Eier. Besonders gut gelaunt war er nie. Eher bruddlig und mürrisch. »Die Mutter schickt die Eier«, meine Worte.

»Leg sie auf die Ablage und mach die Tür hinter dir zu«, seine Worte.

Jeden Montag fast die gleichen Worte, nein, nicht fast die gleichen Worte, es waren die gleichen Worte.

Mehr war nicht zu sagen .Die gleichen Worte, die gleichen Tage, alles ein Kreislauf, wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter und wir gehören dazu.

»Die Mutter schickt die Eier«, meine Worte. Stille, da war einfach eine unruhige Stille.

In Gedanken sagte ich mir selbst die Worte, leg sie auf die Ablage und mach die Tür hinter dir zu Aber es waren meine Worte, in meinem Kopf. Hilflos wartete ich. Sekunden, die Stunden waren, vergingen.

»Die Mutter schickt die Eier«, deutlich hob ich meine Stimme an und schrie meine Worte heraus.

»Die Mutter schickt die Eier«. Ich brauchte seine Worte: - Leg sie auf die Ablage und mach die Tür hinter dir zu -. Ich brauchte seine Worte, ich brauchte sie so sehr, dass die Stille mir unheimlich wurde, dabei waren es doch keine gehaltvollen Worte, doch sie gehörten mir, diese einfachen Worte waren ein unsagbarer Verlust, den ich kaum aushalten konnte.

Worte, die er nicht sagte.

Ich sah ihn.

Er stand nur unter dem Türrahmen und hatte rot geweinte Augen. Ich kannte ihn und meine Gedanken überschlugen sich, wie lange ich ihn wohl kannte?

Immer schon kannte ich ihn, jeder kannte ihn.

Er war schon da, er war schon immer da. Ich hatte mir nie überlegt, ob er eigentlich irgendwo anders gelebt haben könnte.

Nein, er war schon immer da. So wie die Linde an der Kirche. Wie der Brunnen vor der Brücke. Wie ...

Wie schon alles in meinem Dorf immer da war.

Es war zu keiner Zeit für mich wichtig, warum und wie lange etwas da war.

Es war so, wie es war.

War es nicht müßig, sich Gedanken zu machen, wie und warum etwas da war und wie lange. Ich fragte einmal nach der alten Lin­de an der Kirche, wie alt sie wohl sein würde, doch diese Frage wurde nur belächelt, sie sei schon lange da und würde wohl noch lange stehn, wenn ich auch schon lange nicht mehr sein würde.

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, einmal nicht mehr zu sein.

Er stand nur unter dem Türrahmen und hatte rot geweinte Augen.

»Die Mutter schickt die Eier«, meine Worte.

»Kannst du nicht auch einmal etwas anderes sagen, als die Mutter schickt die Eier«, seine Worte. Warum sollte ich denn, sie schickte doch die Eier, die ich immer brachte, »Warum, sie schickt doch die Eier«, meine Worte. » Und du kannst nichts anderes sagen, als immer nur » die Mutter schickt die Eier.«

»Immer nur diese gleichen Worte, immer nur diese gleichen, immer nur, immer nur, ... «‚ seine Worte.

Von Gestalt war er nicht besonders groß, seit meiner Konfirmation überragte ich ihn längst, doch so aufgebracht und wütend glich er einem Baum, der durch den Wind noch mal so viele Äste bekam.

Es war Vater, der einst zur Mutter sagte, dass wir jeden Montag zehn Eier zu ihm bringen sollen, die andern übernehmen auch etwas und wir die Eier.

Es war Vater, der einst sagte, dass er wieder da sein würde und dass auch wir ihm helfen würden, mit soviel, dass es zum Leben reichen würde.

Es war Vater, der Mutter einst erklärte, dass er in der Stadt gelebt hatte, obwohl seine Eltern es nicht gern sahen, dass er fortging. Es war Vater, der sich stark machte, dass er wieder in der alten Hofstelle seiner Eltern ein Zuhause finden konnte.

Es waren alle Menschen vom Dorf, die nicht fragten, warum er so verbittert zurückkam.

Es waren alle Menschen vom Dorf, die ihn so annahmen, wie er war.

Es waren alle Menschen vom Dorf, die ihn achteten und in Ruhe ließen.  

Es waren alle Menschen vom Dorf, die ...

Es erbarmte mich, einen Mann vor mir zu sehn, der in seiner eigenen Haut so unsagbar litt.

Es flossen keine Tränen und doch waren seine Augen rot geweint, er war gebückt von seiner Last, die ihn jahrelang geschunden haben musste. Es war nicht das Klagen der Menschen wie etwa beim Zu Grabe tragen

Es war sein Klagen.

Er kämpfte einen Kampf, mit den Waffen einer menschlichen Seele.

»Warum lebst du hier in allen kalten Wintern«, meine Worte. »Warum hast du niemals etwas anderes zu mir gesagt, als immer nur, leg die Eier auf die Ablage und mach die Tür hinter dir zu«, seine Worte.

Ja, warum hatte ich niemals etwas anderes zu ihm gesagt. Niemals.

Nun war wieder Montag, ich sollte die Eier bringen. Ich legte sie nicht mehr auf die Ablage, nur noch an den Gartenzaun. So hielt ich es mit meinen zehn Eiern, bis der erste Schnee fiel. Heimlich hoffte ich jeden Montag, es würde niemals gefrieren, ich müsste dann die Eier nur noch an den Gartenzaun legen. Aber der Winter kam und ich öffnete wieder die Haustür. »Die Mutter schickt die Eier«, meine Worte.

»Ist es nicht seltsam, das, was man am meisten hasst, vermisst man auch am meisten.

Bis ich sie am Gartenzaun abholte, wurden sie schon oft von den Katzen angefressen«, seine Worte.

»Warum bist du zurückgekommen, mein Vater sagte, du hast lange fort gelebt«, meine Worte.

»Das sagt er, dein Vater, und was sagt er sonst noch, dein Vater?«, seine Worte.

»Du bist zurückgekommen, nur das war wichtig für meinen Vater, wohl für alle im Dorf«, meine Worte. »Ja, ich bin zurückgekommen, ich bin gegangen, weil ich dachte, ich müsste es hassen. Alles müsste ich hassen, die Enge, den Mief, das Dorf. Als ich fort war und meinte, das Leben gefunden zu haben, da hab ich es nicht ertragen, fort zu sein. Und weißt du, was ich am meisten bedaure, dass ich so viel Zeit vertan habe, mit meinem eigenen Kampf, es mir einzugestehen, dass ich hierher gehöre.

Als ich wiederkam, waren so viele, die ich liebte, nicht mehr da«, seine Worte.

Die, die mich liebten, haben es genau gewusst, niemals hätte auch je einer darüber ein Wort verloren. Sie alle haben es gewusst, dass ich nirgends anders leben könnte, es war nur eine Frage der Zeit. Und diese Zeit habe ich lange verschenkt, verschenkt an ein übervolles leeres Leben. Ja, für alle war nur wichtig, dass ich wieder da war, für keinen war es eine Frage wert. Ein Warum oder ein Wieso.

Fast scheint es, als wären alle froh gewesen, dass ich wiederkam, mein Wiederkommen gab ihnen recht.«

Wieder liegen frische Blumen auf dem Grab, ich hab noch niemals so viele frische Blumen auf einem Grab liegen sehen, immer wieder nach so langer Zeit.

Ist dies ein Geheimnis, er ging für alle weg und kam aber auch wieder für alle zurück.

Hat allen gezeigt, dass es sich nicht lohnt zu gehen, dass manches einfach so ist, wie es ist.

Und trotzdem ist es gut so.

Ja, es ist vieles gut so, wie es ist, in meinem Dorf.